2012 Cabernet Dorsa trocken: Blickdicht

Weingut Kessler, Prichsenstadt

Eingangs möchte ich Ihnen heute eine kleine Anekdote erzählen, welche mir in Verbindung mit unserem aktuellen wieder in den Sinn kam.

Vor einigen Jahren präsentierte ich im Rahmen einer Weinprobe einen Rotwein aus dem südwestfranzösischen Anbaugebiet Madiran. Die verwendete Rebsorte Tannat ist bekannt für ihren Tanninreichtum und die Farbtiefe der aus ihr gekelterten Tropfen. Als wir den Wein im Glas kreisen ließen, meinte einer der anwesenden Weinfreunde auf einmal ganz trocken: „Wenn des jetzt ein Damenstrumpf wär‘, würde man sagen, der ist blickdicht.“

Und um genau solch ein „blickdichtes“ Exemplar handelt es sich beim Cabernet Dorsa vom Weingut Kessler aus Prichsenstadt. Die Sorte wurde 1971 an der staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstanbau in Weinsberg aus Dornfelder x Cabernet Sauvignon gekreuzt. Mit etwas mehr als 20 Hektar Anbaufläche gehört sie in Franken eher zu den Exoten. Winzermeisterin Ina Kessler ist im Jahrgang 2012 für meinen Geschmack ein Prachtexemplar gelungen. Allein schon die intensive, tiefkonzentrierte Farbe mit ihren Purpur-Reflexen macht neugierig auf den Wein.

In der Nase begeistert beim ersten Reinschnuppern spontan die reintönige, intensive Kirsch- und Brombeerfrucht. Das geht durchaus in die Richtung eines sehr guten Dornfelders. Aber darüber hinaus bringt der andere Elternteil – der „Global Player“ Cabernet Sauvignon – eine unheimlich feine, würzig unterlegte Paprikanote ins Spiel. Auch etwas kalter Kamin schwingt in der Nase noch mit. Was mir besonders gut gefällt, ist die Tatsache, dass bei diesem Exemplar die Trumpfkarte Cabernet nicht das restliche Blatt aussticht, sondern gleichberechtigt mit den restlichen „Karten“ zusammenspielt. Tolle Farbe, tolle Frucht und Würze in der Nase. Color – check, odor – check. Und wie steht es mit sapor?

Am Gaumen rollt der Kessler’sche Cabernet Dorsa den roten Samtteppich aus. Die Tannine sind sanft und von feinstem Schliff. Die Säure verleiht dem Wein eine wunderbare Frische und Trinkigkeit. Ich bin nämlich der Ansicht, dass auch Rotweine ein gewisses Säuregerüst benötigen, um nicht zu schnell satt zu machen. So bleibt auch die Eleganz gewahrt und die Lust auf den nächsten Schluck stellt sich automatisch ein. Ganz grandios finde ich die perfekt austarierte Verbindung von Frucht und Würze im Geschmack. Das ist so, als ob die fruchtigen und die würzigen Noten Ping-Pong am Gaumen spielen. Die Krönung des Ganzen ist dann schließlich das dezente, lakritzige Bitterl im langen Nachhall. Farblich blickdicht, aromatisch verführerisch, preislich verlockend: Rotweintrinkerherz was begehrst du mehr?

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2015 Bacchus Kabinett – Terrassenwein

Winzerhof Schick, Zeil am Main

Ich habe der Sorte mein erstes magisches Weinerlebnis zu verdanken. Nie werde ich den Moment vergessen, als ein kleiner Schluck einer 1976er Bacchus Beerenauslese meinen Gaumen berührte und mich voll ungläubigen Staunens zurückließ. Bis zu diesem zauberhaften Augenblick hätte ich es nie für möglich gehalten, dass aus Weintrauben so etwas Köstliches entstehen kann.

Auch wenn diese „erste Liebe“ über die Jahre etwas eingerostet war, so habe ich doch, mit gewissen zeitlichen Abständen, immer wieder erstaunliche Weine aus dieser besonders in Franken populären Sorte verkosten dürfen. Momentan findet bei mir gerade so etwas wie ein kleines Bacchus-Revival statt. Heute möchte ich Ihnen eine leichte und frische Variante von den östlichen Ausläufern des fränkischen Weinbaugebietes vorstellen. Man könnte die hiesigen Lagen wie den „Steinbacher Nonnenberg“ und den „Ziegelanger Ölschnabel“, welche der Winzerhof Schick bewirtschaftet, durchaus als „cool climate“-Lagen bezeichnen. Und gerade in solchen etwas kühleren Lagen und klimatischen Verhältnissen fallen die Weine der Sorte besonders saftig und frisch aus.

Bereits die grüngelbe Farbe signalisiert Leichtigkeit und Frische. Der visuelle Eindruck wird dann auch im Duft sogleich bestätigt. Der Wein geht in seiner pflanzlich-würzigen Art schon fast etwas in die Sauvignon Blanc-Richtung. Neben den vegetabilen (Pflanzenstängel) und blättrigen Noten zeigen sich noch Anklänge von Stachelbeere und Kiwi sowie Eisbonbon. Zusätzlich schwingen noch hefige und mineralisch-würzige Noten mit. Insgesamt handelt es sich also eher um einen modernen Sortenvertreter denn um einen klassischen Bacchus. Dies tut der Klasse des Weines allerdings nicht im geringsten einen Abbruch.

Am Gaumen betört unsere Weinvorstellung dann mit seiner äußerst saftigen, feinherben Art. Mit seinem schlanken Körper – gerade einmal 10,5 % vol. Alkohol – kommt er dem Verlangen einer wachsenden Zahl gesundheitsbewusster Genießer nach leichten Weinen voll entgegen. Trotz seiner Leichtigkeit besitzt er aromatische Nachhaltigkeit am Gaumen. Am meisten schlägt die Eisbonbon-Note aus der Nase geschmacklich zu Buche. Die zarte Restsüße wird durch eine lebendige Säure in Zaum gehalten, so dass jegliche Gefahr der Behäbigkeit im Keim erstickt wird. Für einen sogennanten „Leichtwein“ fällt der Abgang mit seinen leicht phenolischen und hefig-würzigen Noten bemerkenswert lang aus. Das macht unglaublich Spaß und fällt für mich in die Kategorie „Terrassenwein“. Sicherlich kann es nicht schaden, ein paar Fläschen als „Frühlingsopfer“ im Keller zu haben. Jetzt muss er nur noch kommen.

 

2015 Bacchus: göttliche Auslese

Weingut Knoblach, Nordheim

Auch Götter haben es nicht immer einfach. In unserem konkreten Fall der Gott des Weines himself im Gewande der nach ihm benannten Rebsorte. Nicht alle Weinliebhaber 2780_2015-bacchus-auslese-suess-bb-500mlsind bereit, ihm zu huldigen, und pflegen ihre Ressentiments gegen den für Ihren Geschmack allzu süffig ausfallenden, parfürmiert bis aufdringlich daherkommenden Bacchus-Wein. Zu allem Unglück handelt es sich dann auch noch um eine Neuzüchtung ((Silvaner x Riesling) x Müller-Thurgau) und schon ist der Stab für alle Zeiten gebrochen über dieser für das Anbaugebiet Franken so wichtigen und wertvollen Rebsorte. Immerhin rangiert sie nach dem Müller-Thurgau und dem Silvaner an dritter Stelle der Anbaustatistik.

Zugegebenermaßen begegnet man mitunter allzu gefälligen und in ihrer anbiedernden Fruchtigkeit recht eindimensionalen Exemplaren. Aber wenn man aufgeschlossen ist und sich etwas Mühe gibt, findet man auch ganz fabelhafte Vertreter der Sorte. Sehr gute, teilweise auch knochentrockene Exemplare, können aufgrund ihres aromatischen Profils manchmal sogar an die Trendsorte Sauvignon Blanc erinnern. Aber auch im edelsüßen Bereich lassen sich echte Schätze heben. Ich erinnere mich beispielsweise noch mit Genuss an eine Trockenbeerenauslese, welche ich letztes Jahr hier vorgestellt habe.

Ganz so hoch greifen wir heute zwar nicht. Aber bei unserem aktuellen Wein handelt es sich immerhin um eine hochgradige Auslese, welche, ganz nach meinem Geschmack, eher in der traditionellen Stilistik edelsüßer Weine ausgebaut wurde. Diese beinhaltet, dass die alkoholische Gärung nicht schon bei relativ niedrigen Alkoholgraden von 7-8 % vol. gestoppt wird und entsprechend viel Restsüße erhalten bleibt, sondern der Most vergärt weiter – in unserem Fall bis 13% vol. Alkohol – und der fertige Wein ist weniger süß. In der Summe ergibt dies eine wunderbare Auslese mit weiniger Charakteristik und relativ kräftigem Körper. Die Nase bietet ein absolut berauschendes, sinnenfrohes und sortentypisches Parfum: Im Mittelpunkt steht eine „fleischige“, traubige Frucht samt Lychee-Einschlag, um welche sich, geradezu irisierend, würzige, leicht rauchige und auch florale Noten guppieren.

Im Geschmack kommt dann die von mir bereits erwähnte „alte Stilistik“ voll zum Tragen. Am Gaumen besitzt die Knoblach’sche Auslese durch ihren kräftigen Körper eine feurige Art, ohne aber brandig zu sein. Man hat wirklich das Gefühl einen Wein zu trinken und eben nicht einen Likör. Neben der traubig-würzigen Frucht (Holunderblüte) kommt im ellenlangen Nachhall eine von der Botrytis herrührende, hauchzarte Bitternote zum Tragen, welche dem Wein zusätzlich Komplexität verleiht. Auch eine gewisse, salzige Note macht sich breit, so dass mit süß, sauer, salzig und bitter sämtliche Geschmacksqualitäten vertreten sind. Und das Geheimnis liegt, wie so oft, in der Harmonie der einzelnen Komponenten begründet. Eine wunderbare, Harmonie ausstrahlende, nicht zu süße, edelsüße Auslese. – Göttlich.

 

 

2015 Grauer Burgunder trocken

Weingut Scheuring, Margetshöchheim

Ähnlich wie seine Schwestersorte, der „Weiße Burgunder“, gehört der „Graue Burgunder“ zu den besonders wertvollen und sowohl von Winzern als auch Weinlieb-GRAUERBURGUNDERhabern gleichermaßen geschätzten Ergänzungssorten. Mit gerade einmal 62 Hektar Rebfläche besiedelt er ein Prozent der gesamten fränkischen Anbaufläche. Da er ebenso wie der „Weiße Burgunder“ kaum über eine ausgeprägte Frucht verfügt und eine von mir gerne als „weinig“ bezeichnete, harmonische Grundstruktur besitzt, eignet er sich wie kaum eine andere Sorte als vielseitiger und äußerst anpassungsfähiger Speisenbegleiter. Man könnte dieses Faktum auch eher negativ auslegen und behaupten, er verfüge über wenig Eigencharakter und Typizität. Aber weit gefehlt:

Ich habe schon lange keinen so sortentypischen, charaktervollen und ausgewogenen Grauburgunder getrunken wie die 2015er Variante von Ilonka Scheuring, der Jungwinzerin des Jahres 2010/2011. Im Glas fasziniert sofort die strahlende, mit einem hellen Strohgold funkelnde Farbe. Im Duft zeigen sich, wie oben bereits angedeutet, keine präpotenten, in den Vordergrund drängenden Fruchtnoten. Das ist eher eine Nase der leisen Töne, welche aber dem genießenden Freund von Nuancen und Zwischentönen so einiges zu bieten hat. In erster Linie sind es zart ausgeprägte, eher in die würzige Richtung gehende Noten: hefige, florale aber auch nussige Töne spielen im Gleichklang. Als Frucht gesellt sich allenfalls eine Ahnung von Birne hinzu. Insgesamt empfinde ich das Nasenbild als sehr sortentypisch.

Im Geschmack ist der Scheuring’sche Grauburgunder fränkisch trocken und kommt aufgrund seiner relativ niedrigen Säure sehr rund und harmonisch an. Was mir besonders gefällt ist eine ganz feine, aufrauende Note am Gaumen, welche für Persistenz sorgt. Vermutlich hat der Wein während seiner Werdung im Keller den biologischen Säureabbau durchlaufen. Darauf deutet eine dezent laktische Note im Nachhall hin. Wenn dem so sein sollte, ist dieser Prozess – welcher bei schweizerischen Weißweinen obligatorisch ist, in unseren Breitengraden aber eher die Ausnahme darstellt – perfekt gelungen. Der Wein hat Gewicht, wirkt aber niemals schwerfällig. Was die Sache so rund macht, ist die Tatsache, dass wir es sowohl mit einem tollen Speisenbegleiter als auch mit einem perfekten Solisten zu tun haben. Ich würde, falls vorhanden, die Burgunder-Gläser aus dem Schrank holen. Und ganz wichtig: nicht zu kalt servieren. Um die 12 Grad sind ideal für meinen Geschmack.

2015 BIO-Kerner Spätlese – Dettelbacher Berg-Rodell

Weingut Bausewein, Iphofen

Obwohl es sich von den „inneren Werten“ her um eine Auslese handelt und Familie Bausewein zweifelsohne mit der Bezeichnung Spätlese auf dem Eikett tiefstapelt, ist unser vorgestellter Wein zu keiner Zeit klebrig süß. Dies liegt nach meiner Einschätzung hauptsächlich an zwei Faktoren.

Zum einen an der Rebsorte: der Kerner gilt als „kleiner Verwandter des Rieslings“ und ist ebenso wie dieser in der Lage, säurebetonte, bisweilen sogar rassige Weine hervorzubringen. Dies mag insofern nicht verwundern als es sich doch um eine 1929 von August Herold an der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt in Weinsberg aus Trollinger und Riesling gezüchtete Sorte handelt. Trotz seiner schwindenden Popularität – von einstmals fast 8.000 Hektar in ganz Deutschland sind nur noch knapp 2.800 übriggebleiben – belegt er bei den weißen Rebsorten immer noch den sechsten Platz in der Anbaustatistik. Und das mit großem Abstand vor dem siebtplatzierten Chardonnay.

Der zweite Faktor ist der etwas „höhere“ Alkoholgehalt von 10,5 % vol.. An der Mosel würde der Wein unter Garantie als Auslese vermarktet und hätte nur 7 bis maximal 8 % vol. Alkohol sowie entsprechend mehr Restsüße (= unvergorener, traubeneigener Fruchtzucker).

Die beiden oben genannten Faktoren – rieslingartige Säure und relativ niedrige Restsüße – bewirken im Zusammenspiel, dass die Kerner Spätlese von Familie Bausewein elegant und verspielt wirkt. In der Nase bietet sich dem Genießer ein ganzes Füllhorn von Agrumen-Aromen dar. Neben Zitrone und Pomelo nimmt mein Riechorgan auch einen Touch (grüner) Limette wahr. Ebenso ist ein exotischer Einschlag vernehmbar, welcher mich an eine reife Ananas denken lässt.

Am Gaumen dominiert die exotische Komponente, aber auch die Zitrusaromen aus der Nase kommen geschmacklich nicht zu kurz. Der Wein ist rein und klar in seinem Ausdruck. Gedanklich wähnt man sich an einem klaren, kühlen Gebirgsbach. Wunderbar leicht und beschwingt, geradezu tänzerisch gleitet er über die Zunge. Ach ja, falls ich es noch nicht erwähnt haben sollte: Neben dem Gebirgsbach befindet sich eine frühlingshafte Wiese mit allerlei Kräutern wie Zitronenmelisse und Bergminze. Die einzelnen Komponenten wie Alkohol, Restsüße und Säure sind perfekt ausgewogen und ergeben einen herrlichen Tropfen, welcher sich quasi wie von alleine „wegsüffelt“. Und das ist eindeutig als Kompliment gemeint.

2015 Weißer Burgunder Spätlese trocken – Homburger Edelfrau

Weingut Huller, Triefenstein

Der Weiße Burgunder gehört zwar nicht zu den weitverbreiteten Varietäten in Franken, aber seine Stellung als besonders wertvolle Ergänzungssorte dürfte kaum ein 2015-edelfrau-weissburg-spaet-trocken-BGWeinkenner anzweifeln. Und gar nicht wenige unter Ihnen halten ihn für die bessere Alternative im Vergleich zur international verbreiteten „Schwester-Sorte“ Chardonnay – immerhin galten beide lange Zeit als identisch. Als klassische Rebe ist sein Anbau spätestens seit dem 14. Jahrhundert belegt. Für meinen Geschmack stellen die besonders gelungenen Exemplare hervorragende Speisenbegleiter dar. Der Grund ist auch leicht nachvollziehbar: Die Sorte hat keine ausgeprägte, vordergründige Frucht, sondern überzeugt durch vornehme, nicht zu säurebetonte und ausgewogene Tropfen. Wenn das Traubenmaterial geeignet ist und der Winzer es nicht übertreibt, eignet sich der Weißburgunder auch für den Ausbau in großen (z.B. Stückfass oder Doppelstückfass) oder auch kleinen Holzfässern (Barrique).

Die Weißburgunder-Reben vom Weingut Huller stehen in der weniger bekannten, aber guten Einzellage „Homburger Edelfrau“. Und als ob der Wein der Lage, in welcher er gewachsen ist, zur Ehre gereichen müsste, präsentiert er sich vornehm und zurückhaltend wie besagte Edelfrau. Protzigkeit oder vordergründige Frucht sind nicht sein Ding. Obwohl es sich um eine Spätlese handelt, wirkt der Wein nicht schwer oder übermäßig konzentriert.

Im Gegenteil: Beim Riechen am Glas fällt die vornehme Zurückhaltung auf. Eine Mischung aus fruchtigen und pflanzlichen Noten. Wobei letztere sogar im Vordergrund stehen und an weiße und gelbe Blüten erinnern. Auch ein wenig Grün vom Stängel hat sich dazugesellt. Erst dahinter kommt ein Hauch von würziger Birnenfrucht zum Vorschein. Insgesamt sehr distinguiert das Ganze.

Passend zum Nasenbild präsentiert sich die Huller’sche Spätlese am Gaumen. Keine vordergründigen Geschmackssensationen buhlen um die Gunst des Weintrinkers. Vielmehr überzeugt unser „Wein der Woche“ mit großer Ausgewogenheit und legt eine vornehme Zurückhaltung an den Tag. Fast scheint es mir als wäre eine klitzekleine Note vom Holzfass schmeckbar – nur ein zart dahingehauchter Kuss, keine erdrückende Umarmung.

Die wunderbar lebendige Säure verleiht dem Wein eine zarte Verspieltheit, welche auf mich äußerst appetitanregend wirkt. Für eine Spätlese wirkt er zwar – im positiven Sinne – relativ schlank, aber dadurch sättigt er den geneigten Genießer nicht allzu schnell und kann hervorragend zum Essen und auch danach noch für sich getrunken werden. Zu solch einem edlen Wein dürfen es auch gerne edle Zutaten für die Küche sein: gratinierte Jakobsmuscheln und gedünsteter Seefisch fallen mir hierzu als erstes ein.

2015 Riesling Spätlese trocken

Weingut Weisensee, Sommerach

„Klein aber fein“ wäre bei einer Betriebsgröße von gerade einmal 2,5 Hektar zweifelsohne ein passendes Credo für das Weingut Weisensee aus Sommerach. Da man aber heutzutage mit einer solchen Betriebsgröße nur schwerlich seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, betreibt Inhaber-Familie Heidrich klassische Einkommensdiversifizierung. Neben dem Weingut wird von April bis Juni und von August bis Oktober eine Weinstube in bester Heckenwirtschaftsmanier betrieben. Außerdem steht ganzjährig eine geräumige Ferienwohnung für Urlauber und Touristen zur Verfügung.

Im Glas präsentiert sich die 2015er Spätlese vom Weingut Weisensee mit einem hellen Strohgelb. Bereits die Nase ist beim ersten Riechen am Glas ein Versprechen auf den weiteren Trinkgenuss. Das ist kein „verflüssigtes Gestein“, wie wir wir es heutzutage oft bei über die Maßen ausgereizter und ostentativ in den Vordergrund gestellter Mineralität, gerade bei der Rebsorte Riesling, vorfinden. Frei nach dem Motto: „Je weniger Frucht, desto besser.“

Nein, in unserem Fall haben wir es mit einem wohltuend fruchtigen, aber auch nicht übertrieben fruchtigen Sortenvertreter zu tun. Im Duft offenbaren sich sehr fein ausdifferenziert und in reintöniger Ausprägung klassische Aromen von Aprikose und Zitrusfrüchten. Ebenso schwingt ein Hauch noch etwas grüner, nur knapp reifer Ananas mit. Auch würzige und dezent mineralische Noten blitzen in der Nase auf. Aber diese begleiten lediglich die Frucht und stehen niemals im Vordergrund.

Am Gaumen fällt zunächst die reife, aber ganz rieslingtypisch höhere Säure auf, welche aber nicht aggressiv getönt, sondern gut in den zweifelsohne vorhandenen Extrakt eingebunden ist. Mit weniger als 4g/l Restzucker geht die Weisensee’sche Spätlese sogar als „fränkisch trocken“ durch. Die oft anzutreffende „Restzuckerschminke“ hat er auch absolut nicht nötig.
Am Gaumen begeistert die (trink)animierende, lebendige Art. Wenn so manche Spätlese in ihrer schweren, behäbigen Weise eher an einen Sumoringer erinnert, dann kommen mir bei unserem „Wein der Woche“ eher die leichten und flüssigen Bewegungen eines Balletttänzers in den Sinn. Im langen Nachhall kehren dann auch die Zitrusfruchtnoten aus der Nase wieder. Allerdings in abgewandelter Form, als zart ins Bittere gehende Zesten von Limette und Grapefruit. Auch ein Schuss mineralische Würze mischt sich unter die komplexen Geschmackseindrücke und rundet das Gesamtbild ab.

Ein wunderbarer Franken-Riesling.