2015 Riesling Spätlese feinherb Retzbacher Benediktusberg

Weingut Gebr. Geiger jun., Thüngersheim

Der fränkische Riesling, das ist so ein Thema für sich. Von vielen Kennern und Experten als König unter den weißen Rebsorten bezeichnet, hat er es bis heute nicht geschafft, mehr als kümmerliche fünf Prozent der fränkischen Rebfläche zu erobern. Immerhin 2015-benediktusberg-riesling-spaet-ht-BBhandelt es sich mit Abstand um die meistangebaute Sorte in Deutschland (23 % der Gesamtfläche von 102.000 Hektar).

Obwohl auch in Franken herausragende Exemplare produziert werden, so wird doch traditionell, bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts, der Ruf des deutschen Rieslings im Ausland von den Anbaugebieten Rheingau und Mosel geprägt. Hinzu kommen noch, teilweise durch dynamische Entwicklungen der letzten knapp zwei Jahrzehnte, die Nahe, die Pfalz und Rheinhessen.

Weshalb weder der Flächenanteil von Seiten der fränkischen Winzerschaft ausgeweitet wurde noch von Seiten der Weintrinker die Nachfrage nach Franken-Riesling gewachsen ist, bleibt für mich ein Stück weit ein Rätsel. Zumal, wenn ich einen wunderbaren Wein wie die feinherbe Spätlese vom Weingut Gebr. Geiger jun. aus Thüngersheim vor mir habe. Mit einem solchen Wein im Glas kann ich auch bestens nachvollziehen, wie er zu seinem „Adelsprädikat“ „König der weißen Rebsorten“ kam.

Optisch präsentiert er sich mit strahlend strohgelber Farbe. Das Nasenbild ist nobel, vielschichtig, tiefgründig und lebendig. Man meint fast etwas Flirrendes und Vibrierendes wahrzunehmen beim Riechen am Glas. Feinste Zitrusfruchtaromen in sämtlichen Varianten betören die Nase. Das Spektrum reicht von frisch aufgeschnittener Frucht über die Schale (Zesten) bis hin zu kandierten Noten. Auch ein Hauch rieslingtypischer Reifenoten (Petrol) deutet sich an. Wer diesbezüglich ein Nulltoleranz besitzt, sollte eher vorsichtig sein. Alle anderen Weintrinker kann ich an dieser Stelle beruhigen: Es handelt sich wirklich nur um eine komplexitätssteigernde Nuance.

Mit gerade einmal 11,5% vol. Alkohol präsentiert er sich relativ leicht. Bei den 22,3 g/l Restzucker handelt es sich um unvergorenen, traubeneigenen Fruchtzucker. Wäre dieser durch die Gärung komplett in Alkohol umgewandelt worden, so hätten wir als Resultat eine trockene Spätlese mit 12,5 bis 13% vol. Alkohol. Wer Freude an vergleichenden Verkostungen hat, dem sei gesagt: Es gibt tatsächlich auch eine trockene Variante aus gleicher Lage und gleichem Jahrgang vom Weingut Gebr. Geiger jun.. Sie finden diese hier!

Was den Wein für meinen Geschmack so besonders macht, ist seine sensationelle Balance und Feinheit. Der Wein schmeckt mitnichten süß, trotz seiner 22 g/l Restzucker. Dies liegt an der tollen, rieslingtypischen Säure von über 8 g/l. Hat man einen Schluck genommen, so beginnt der Wein auf der Zunge zu tänzeln. Die Geschmacksknospen sind wie elektrisiert. Das oben bereits erwähnte Vibrieren in der Nase findet seine geschmackliche Umsetzung am Gaumen. Dafür liebe ich Riesling. Das ist Formel 1 am Gaumen: rasant, fesselnd,
nervenaufreibend, immer am Limit. Kein Wein für Verzagte. Oder wie der Engländer sagen würde: Not for the faint hearted.