2017 Pinot Grigio trocken: Von wegen früher war alles besser

Weinbau Lother, Wipfeld

Nachfolgende Szene in einem Restaurant könnte sich irgendwo in Deutschland wie folgt abgespielt haben:

2017-pinotgrigio-trocken-BxKellner: Ich empfehle Ihnen zu Ihrem Hauptgang unseren Grauburgunder aus Baden. Der hat genügend Rückgrat, um die sahnige Soße zu begleiten und mit seiner unaufdringlichen, dezent fruchtigen Art schmeckt er auch solo ganz hervorragend.

Gast: Nein, danke. Ich trinke keine deutschen Weine. Im Urlaub in Italien trinken wir immer Pinot Grigio. Den mag ich. Haben Sie so einen auch auf der Karte?

Kellner (verdattert): Ja, ja, aber … das ist doch genau die gleiche Rebsorte. Ich kann Ihnen unseren Grauburgunder nur wärmstens …

Gast (ungehalten): Haben Sie nun einen Pinot Grigio oder nicht?

Kellner: Sehr wohl.

Kellner verschwindet, schenkt aus der 2-Liter-Flasche ein Glas Pinot Grigio ein und serviert es dem Gast. Gast ist zufrieden und ordert später noch ein zweites Glas.

Kellner serviert nun (heimlich) den deutschen Grauburgunder. Gast merkt den Unterschied und spricht den Kellner darauf an.

Gast: Herr Ober, das ist ein anderer Wein als beim ersten Glas. Der ist viel besser, so kenne ich meinen Pinot Grigio. Sie müssen mir vorher den falschen Wein serviert haben.

Kellner (lächelt süffisant): Da muss mir wohl ein Fehler unterlaufen sein. Bitte entschuldigen Sie vielmals. Das erste Glas wird natürlich nicht berechnet.

So oder so ähnlich, natürlich nur im übertragenen Sinn, könnte sich diese von mir erdachte Szene in den 1990er-Jahren in vielen deutschen Gasthäusern abgespielt haben. Der Prophet zählt im eigenen Lande bekanntlich wenig und die italophilen Deutschen surften auf der Pinot-Grigio-Welle. Die meisten italienischen Weine dieser Rebsorte waren billig produzierte identitätslose Massenweine und taugten nicht viel mehr als zum Herunterspülen von Pasta und Pizza. Obwohl viele deutsche Grauburgunder diesen Weinen teilweise haushoch überlegen waren, wollte ein Großteil der Weintrinker hierzulande nichts von ihnen wissen. Mit Italien verband man Urlaubserinnerungen und La Dolce Vita. Da musste so etwas Profanes wie bessere Qualität hintenanstehen.

Doch mittlerweile ist es deutschen Winzern erlaubt, auch die internationalen Rebsortenbezeichnungen auf das Etikett zu schreiben. Zum Beispiel Pinot Noir für Spätburgunder, Pinot Blanc für Weißburgunder oder eben Pinot Grigio für den Grauburgunder. Von dieser Regelung macht auch das Weingut Lother Gebrauch, dessen 2017er Pinot Grigio ich Ihnen heute vorstellen möchte.

Im Glas zeigt der Wein ein kräftiges Strohgelb. In der Nase baut er mächtig Druck auf und überzeugt mit einem rebsortentypischen Mix aus reifem Birnenaroma, sanften Honignoten und einer Note, welche an geröstete Haselnüsse erinnert. Auch erdige Anklänge und sogar etwas Lakritz schwingen mit. Vom Nasenbild her deutet vieles auf einen kräftigen Wein mit Fülle und Schmelz hin.

Doch dieser Eindruck täuscht ein Stück weit, da der Gaumenauftritt zwar durchaus von Kraft und einem gewissen Schmelz geprägt ist, aber ohne jegliche Wucht auskommt. Für seine moderaten 12 % Vol. Alkoholgehalt bietet der Lothersche Pinot Grigio ganz schön viel an geschmacklicher Intensität. Was mich sehr begeistert, ist seine lebendige Art am Gaumen. Die Säure verleiht eine gewisse Zitrus-Frische und balanciert den Wein wunderbar aus, denn es sind auch Ansätze zu einer öligen, breiter angelegten Art vorhanden. Im Nachhall zeigt er dann noch eine fabelhafte, ungemein würzige Note, welche sich mit den ebenfalls aufscheinenden, grauburgunder-typischen Honigtönen verbindet. Die Krone setzt dem Ganzen zusätzlich ein feines Walnuss-Bitterle auf.

Tempi passati. Heute kann der Gast einen Pinot Grigio bestellen und bekommt einen hervorragenden Grauburgunder aus Deutschland. Von wegen früher war alles besser.

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