Sommeracher Katzenkopf – 2016 Silvaner Auslese

Weingut Reichert, Nordheim

Jetzt in der Vorweihnachtszeit darf es ruhig wieder einmal etwas Edelsüßes sein. Auch 2016-silvaner-auslese-schlegelwenn Süßweine ein absolutes Nischenprodukt sind, so möchte ich Ihnen zumindest zwei- oder dreimal im Jahr etwas aus dieser Geschmacksrichtung anbieten bzw. vorstellen. Das Paradoxe ist ja, dass diese Weine im Ausland in höchstem Maße geschätzt werden, nur im eigenen Land gilt der Prophet bekanntermaßen wenig.

Betrachtet man die Qualität und noch dazu den aufgerufenen Preis, so kann sich jeder Weinliebhaber und Genießer eigentlich nur ins Fäustchen lachen. Eine hochgradige Auslese von phantastischer Qualität, nahe der Grenze zur Beerenauslese, in der Halbliterflasche für weniger als 10 Euro. Um die „Hemmschwelle“ etwas zu senken und mögliche Berührungsängste abzubauen, werde ich auch einige konkrete Tipps zur Kombination mit Speisen geben. Obwohl der Wein für sich genossen schon eine herrliche Leckerei ist.

Bereits die strahlend goldgelbe Farbe zeigt an, dass wir es mit einem besonderen Tropfen zu tun haben. Die Nase ist einfach eine Wucht. Das, was sonst eine reife Silvaner Spätlese ausmacht, finden wir hier noch konzentrierter. Fruchtige Aromen von Birne und Quitte, aber in eingekochter und kandierter Form. Quittenbrot und Birnendicksaft sind Assoziationen, welche mir in den Sinn kommen. Auch etwas kandierte Mandarine schwingt mit. Und im Hintergrund ist sogar noch die typische erdige Würze des Silvaners vorhanden.

Am Gaumen glänzt die Silvaner Auslese durch große Harmonie und Ausgewogenheit. Feinste Honigaromen und der Geschmack von Quittenbrot betören den Gaumen. Die Süße ist ausgeprägt und präsent, aber nicht klebrig. Man hat Lust auf den nächsten Schluck. Bei 11 % Vol. Alkohol hat man auch das Gefühl, einen Wein zu trinken. Bei extrem konzentrierten Süßweinen wie Trockenbeerenauslesen oder Eisweinen kann man schon einmal das Gefühl haben, Sirup zu sich zu nehmen. Hier jedoch keineswegs.

Dies ist ein Süßwein, welcher ideal zu bestimmten Käsesorten in Kombination mit fruchtigen Beilagen passt. So habe ich diesen Wein mit großem Genuss zu einem Stück Taleggio mit Birnenscheiben und einer Scheibe Bauernbrot kombiniert. Auch Gorgonzola oder ein Fourme d’Ambert passen hervorragend.

Passend zur Jahreszeit gäbe die Reichelt’sche Silvaner Auslese ebenfalls einen tollen Begleiter zu zahlreichen Plätzchensorten aus der Weihnachtsbäckerei ab. Und wer es klassisch fränkisch liebt, trinkt ihn zu Kartäuserklößen mit Weinschaumsoße. Dass ein Teil des Flascheninhalts in die begleitende Soße wandert, versteht sich ja wohl von selbst. Das Thema möglichst billigen Kochweins überlassen wir anderen. Der Kenner schweigt und genießt.

2018 Nordheimer Vögelein, Rieslaner Spätlese

Weingut Borst, Nordheim

Könnte ich mir meinen ganz persönlichen christianarchäorebsortenstatistischen 2017-voegelein-rieslaner-soaet-trockne-BBPSWunschpunsch zusammenbrauen, so läge der Rieslaner mindestens auf Platz 5 bei den weißen Rebsorten und nicht wie in der Realität mit seinen insgesamt 80 Hektar in ganz Deutschland unter „ferner liefen“.

Knapp die Hälfte der gesamtdeutschen Anbaufläche entfällt auf das Anbaugebiet Franken. Dies mag auch nicht sonderlich verwundern, sofern man weiß, dass die Sorte 1921 von Dr. August Ziegler in Veitshöchheim, dem Sitz der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau, gekreuzt wurde. Wie der Name schon erahnen lässt, sind die Kreuzungseltern Riesling und Silvaner. Ursprünglich wurde die Sorte unter dem Namen „Mainriesling“ vermarktet. Da der Name vielfach zu Verwirrung und Verwechslungen (vor allem mit dem klassischen Weißen Riesling) führte, wurde sie 1963 in „Ries¬aner“ umgetauft.

Der Rieslaner ist so etwas wie der ungekrönte König unter den weißen Sorten. Eine größere Popularität verhinderten vor allem sein Hang zur Verrieselung und damit einhergehend niedrige Erträge und die hohen Lagenansprüche. Gerne würde ich schreiben, die Anzahl der mit ihm bepflanzten Hektare sei Legion. Dem ist leider nicht so. Seine Qualitäten in Form edler Spitzenweine sind es sehr wohl.

Ich war folglich auch sehr gespannt, was die 2018er restsüße Spätlese vom Weingut Borst aus Nordheim im Glas anzubieten hat. Ich denke, es war genau der richtige Weg, welchen das Weingut mit diesem Wein im heißen Jahrgang 2018 mit seiner hohen Traubenreife beschritten hat. Lieber etwas weniger Alkohol und etwas mehr natürliche Restsüße. Den 11% Vol. Alkohol stehen in diesem Fall satte 60 g/l Restzucker gegenüber. Andere Weingüter haben andere Wege eingeschlagen. So ist mir auch schon eine trockene 2018er Rieslaner Spätlese von einem anderen Weingut begegnet mit satten 16% Vol. Alkohol. Was in diesem Fall selbstverständlich tiefgestapelt ist. In Wirklichkeit handelt es sich um eine hochgradige trockene Auslese. Möglicherweise stelle ich diesen Wein in den nächsten Monaten auch hier vor. Grundvoraussetzung ist allerdings, dass der Alkohol gut eingebunden ist.

Doch nun zurück zur Borst’schen Spätlese. Die Nase besticht mit einer herrlichen Mischung exotischer Fruchtaromen. Das Spektrum reicht von frischer Frucht über kandierte Noten bis hin zur Fruchtgummi-Variante. Maracuja, weiße Johannisbeere, kandierte Ananas und Tropifrutti fallen mir zuerst ein. Was nicht heißt, dass damit schon alle Schätze geborgen sind, welche der Wein parat hält.

Der erste Schluck, der auf Zunge und Gaumen trifft, ist Überwältigung pur. Was für eine Harmonie, was für eine Noblesse! Die Balance von Süße und Säure ist schlichtweg perfekt. Natürlich schmeckt der Wein süß, aber er wirkt zu keiner Sekunde klebrig und sättigend. Der Wein ist ein flüssiges Dessert für sich.

Für die meisten Süßspeisen kommt er als Begleiter nicht in Betracht, da hierfür seine Restsüße nicht ausreicht. Genial ist die Kombination mit einer kleinen Auswahl feinster Käsesorten in Affineur-Qualität (Comté mindestens 24 Monate gereift, geaschter Ziegenkäse von der Loire, Tomme de Savoie oder St. Nectaire, Èpoisses oder Munster und eventuel auch noch ein Blauschimmelkäse wie Roquefort oder Stilton). Auch hier gilt, wie beim Rieslaner, Klasse statt Masse.

2018 Chardonnay trocken

Weingut Manuel Sauer, Nordheim

Ein Großteil der (Weiß-)Weine des Jahrgangs 2018 ist gefüllt und im Verkauf. Meine angespannte Vorfreude auf die neuen Weine konzentriert sich hauptsächlich auf die 2018-chardonnay-trocken-BgFrage, wie der extrem warme und trockene Sommer sich auf die Alkoholgradation und die Säurewerte ausgewirkt hat. Erwartet uns ein zweites 2003? Damals präsentierten sich viele Weine zunächst beeindruckend aufgrund ihres kräftigen Körpers. Nicht selten wiesen sie Alkoholgrade von 14, 14,5 und teilweise sogar 15 % Vol. auf. In Verbindung mit den gleichzeitig niedrigen Säurewerten bauten diese Weine jedoch schnell ab und legten ein schlechtes Reifeverhalten an den Tag. Wie immer bestätigen auch hier Ausnahmen die Regel. Es gibt durchaus Weine aus dem Hitzejahr 2003, welche auch heute noch überzeugen können.

Nach meinen zugegebenermaßen noch nicht repräsentativ zu nennenden Verkostungserfahrungen mit dem 2018er Jahrgang komme ich zu dem vorläufigen Schluss, dass die Problematik des 2003er Jahrganges nicht evident ist.

Unser Wein, der 2018er Chardonnay trocken vom Weingut Manuel Sauer aus Nordheim, ist ein guter Vertreter, um meine These zu belegen. Der Wein besitzt Fülle und Schmelz. Man merkt in der Nase schon, dass er wohl eher in einem warmen Jahrgang entstanden ist. Die Fruchtausprägung ist reif und weist in eine tropische Richtung. Ich nehme exotische Aromen von Ananas, reifer Physalis und (Gelee-)Banane wahr. Wobei aber keine Überreife wahrnehmbar ist. Eine wunderbare Würze und eine mineralische Gesteinsmehl-Note sorgen für zusätzliche Komplexität und dafür, dass der Wein nicht zu vordergründig fruchtig wirkt.

Am Gaumen keine Spur von alkoholischer Hitze. Mit 12,5% Vol. Alkohol kommt hier auch keinerlei Verdacht auf, es könnte sich um einen breitschultrigen Boliden handeln. Restzucker und Säure stehen sich mit jeweils ca. 6 g/l im Verhältnis 1:1 gegenüber, was dem Wein sehr gut steht. Die Säure ist reif und verleiht dem Wein Frische. Es handelt sich wohl, dank des warmen Jahrgangs, hauptsächlich um „gute“ weil harmonisch schmeckende Weinsäure. In kühlen Jahren findet sich mehr „aggressive“, säuerlicher schmeckende Äpfelsäure im Wein.

Trotz 6 g/l Restzucker wirkt der 2018er Chardonnay von Manuel Sauer nicht zu „süßlich“. Der Wein kommt harmonisch rüber und zeigt sogar Grip und eine gewisse mineralische Rauheit am Gaumen. Dies ist sicherlich auch noch seiner Jugend geschuldet und wird sich mit Flaschenreife noch glätten. Aber dies ändert nichts an der Tatsache, dass wir es mit einem ganz typischen, deutschen Chardonnay ohne Holzeinfluss zu tun haben, der jetzt schon unglaublich viel Trinkfreude bereitet. Ganz gleich, ob zum Essen oder solo genossen. Sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

2017 Weißer Burgunder trocken

Weingut Borst, Nordheim

Der Weiße Burgunder gilt als klassische Rebe, ist sein Anbau doch spätestens seit dem 14. Jahrhundert belegt. Er gehört zwar nicht zu den weitverbreiteten Varietäten in Franken, 2017-weissburg-qba-trocken-schlegelaber seine Stellung als besonders wertvolle Ergänzungssorte dürfte von den wenigsten Weinkennern anzweifelt werden. So mag es auch kaum verwundern, dass sein Flächenanteil langsam aber doch stetig zunimmt. Waren es im Jahr 2000 noch bescheidene 0,7%, so liegen wir heute bereits bei 3,2%. Somit hat sich sein Flächenanteil in Franken binnen 18 Jahren mehr als vervierfacht und er marschiert stramm auf die Marke von 200 Hektar Anbaufläche (in Franken) zu. Im Wesentlichen lassen sich zwei Grundtypen unterscheiden: der fruchtige, im Stahltank ausgebaute Typus und der kräftige, holzfassgereifte Typus mit mehr oder weniger deutlich ausgeprägten Röstaromen vom Holzfass.

Heute haben wir es mit einem äußerst gelungen Vertreter der ersten Kategorie zu tun. Der trockene Weißburgunder von Winzerfamilie Borst aus Nordheim wurde im Stahltank ausgebaut und bietet im Duft nahezu die gesamte Palette an Aromen auf, welche für meinen Geschmack einen typischen Sortenvertreter ohne Holzeinfluss ausmachen: gelbe Frucht, Blütenduft, haselnussige Aromen und eine „süßliche“, fast etwas vanillige Note, so als ob man an einer Puderdose schnüffelt. Oftmals tendiert die Frucht beim Weißen Burgunder in Richtung gelbe Melone. Dies ist bei unserem heutigen Wein nicht der Fall. Wenn ich es spezifizieren soll, dann würde ich sagen, der Wein duftet nach (Gelee-)Banane. Dies spricht für einen modernen Ausbau im Keller samt kühler Vergärung.

Am Gaumen bewegen wir uns zwar geschmacklich auch im gelben Bereich, aber hier kommen dann eher Zitrusnoten zum Tragen. Der Wein besitzt eine wunderbar lebendige Säure, welche für Frische sorgt, aber dennoch nicht aggressiv getönt ist. Mit seinen 12,5% vol. Alkohol ist er weder ein Leichtgewicht noch ein Sumo-Ringer. Balance und Ausgewogenheit ist hier das Gebot der Genuss-Stunde. Der Wein kommt frisch und geradlinig herüber. In seiner „straighten“ und weinigen Art macht er einfach nur Lust auf den nächsten Schluck. Seine mineralischen Noten und der leicht phenolische Grip im Nachhall sorgen für Persistenz am Gaumen. Sowohl als Speisenbegleiter als auch solo genossen ist der Wein ein Hochgenuss. Sortentypisch, reintönig, delikat.

2017 Scheurebe trocken natural pur best of .muschelkalk.

Weingut Glaser, Nordheim

Yeah, baby, yeah!!! Nicht nur ein gewisser britischer Geheimagent oder vielmehr die Parodie eines solchen würde diese Scheurebe vermütlich mögen, ist sie doch genau so 2017-bestofmuschelkalk-scheurebe-schlegeltrocken wie der sprichwörtliche englische Humor. Das ist KOMPROMISSLOS. 0,3 g/l Restzucker.

Selbst wenn sie, sagen wir einhundert, laut Etikett trockene Scheureben (maximal 9g/l) genau hinsichtlich Restsüße betrachten, werden Sie kaum fünf finden, welche unter 1g/l Restzucker liegen. Das trauen sich nur ganz wenige Winzer.

Familie Glaser aus Nordheim gehört zur kleinen Schar jener besonders mutigen Winzer. Sie scheint ohnehin ein Händchen für die Sorte zu haben, denn bereits eine vor über zwei Jahren hier vorgestellte restsüße Spätlese aus dem Jahrgang 2013 hatte mich seinerzeit richtiggehend begeistert. Genauso wie der Vorgänger des heute vorgestellten Weines aus dem Jahrgang 2015.

Zur 2015er Version schrieb ich: „Der Wein ist jedenfalls sehr sortentypisch und ein hervorragender Vertreter einer Scheurebe-Stilistik, wie ich sie gerne trinke. Ausgeprägt in der Aromatik, aber niemals laut. Von der Frucht her mehr Cassis als Grapefruit. Mit salziger Mineralität am Gaumen.“ Ahnliches gilt auch für den 2017er-Jahrgang, allerdings mit einer unterschiedlichen Akzentuierung. Für mich befinden sich Grapefruit und Cassis nahezu in perfekter Balance. Beim Schach würde man von einer Pattsituation sprechen. Zu diesen dominanten Fruchtnoten gesellt sich eine leicht pflanzlich-vegetabile Note hinzu, welche ein wenig an frisch gemähtes Gras denken lässt. Das Faszinierende ist die Ausgewogenheit und Balance in der Nase. Nichts Lautes und Hervorstechendes, sondern alle Komponenten bilden eine fein verwobene Einheit.

Im Glas zeigt die Scheurebe „best of .muschelkalk.“ eine jugendlich wirkende, helle Farbe in Richtung Strohgelb. Die 2015er Version hatte eine erstaunlich kräftige Farbe, welche ins Altgoldene ging. Doch nun zum Gaumenauftritt. Wie präsentiert sich unsere Scheurebe der Marke „bone dry“ geschmacklich?

Um es kurz fassen: faszinierend. Nach dem ersten Schluck stellt sich spontan eine gewisse Verblüffung ein. Man könnte meinen, bei einer solch aromatischen Rebsorte würde auch am Gaumen die Frucht eindeutig domieren, was sie ja meistens tut. Nicht hier jedoch.

Mineralik und Phenolik stehen eindeutig im Vordergrund. Eine geradezu mineralisch-salzige Komponente zieht ihre gnadenlose Spur über die Zunge. Eine phenolische, an Tonic Water erinnernde Note kommt noch hinzu.

Erst nach einer Weile stellt sich im Nachhall eine fast schüchtern in Erscheinung tretende Fruchtnote ein. Ein absolut ernstzunehmender Wein, aber deshalb noch lange kein ernster (soll heißen anstrengender) Wein. Eine Scheurebe mit Tiefgang und Anspruch, auf Augenhöhe mit so manchem mineralischen Sancerre (Sauvignon Blanc). Einfach fabelhaft.

2015 Pinot Noir – anno XV – Spätburgunder Spätlese trocken

Weingut Reichert, Nordheim

Der Spätburgunder als wichtigste rote Sorte in Deutschland – diese Aussage bezieht sich sowohl auf qualitative als auch quantitative Aspekte – muss sich quasi zwangsläufig mit dem Original aus Frankreich messen lassen. Wer von großen Burgunderweinen redet, spricht notwendigerweise auch immer von der Region Burgund. Nun ist es schlechterdings möglich, in Deutschland französische Burgunder zu erzeugen. Aber die besten Exemplare aus Deutschland weisen zumindest in ihrer grundsätzlichen Stilistik in diese Richtung.

Den Gegenpol hierzu bildet meiner Ansicht nach der traditionelle deutsche Spätburgunder. Mit seiner erdbeerduftigen Frucht und Anklängen von Bittermandeln, im schlimmsten Fall mit deutlicher Restsüße versehen, stellt er für meinen Geschmack eher das Zerrbild eines guten Burgunders dar.

Was einen guten Pinot Noir ausmacht sind, Ausgewogenheit, duftige Eleganz bis hin zu sinnlicher Anmutung, moderater Holzeinsatz und Finesse. Der Grund, weshalb ich Ihnen heute die trockene Spätlese von Familie Reichert vorstelle, ist leicht zu erraten. Er besitzt ein gerüttelt Maß von all jenen Eigenschaften.

Die Trauben sind in der Lage „Nordheimer Vögelein“ gewachsen und der Grundwein wurde für ein knappes Jahr in Barriquefässern ausgebaut. In der Farbe zeigt er ein ganz burgundertypisches, eher helles Granatrot. Die Nase verströmt genau jene wunderbar duftige Eleganz, welche ich so schätze. Da ist nichts Vorlautes, da kracht es nicht im Glas, sondern vielmehr vollzieht sich ein Akt der Betörung. Neben fruchtigen, an Kirsche und Pflaume erinnernden Noten, treten zarte Vanilledüfte vom Barriquefass und mit etwas Belüftung sogar Anklänge von rohem Fleisch in Erscheinung. So stelle ich mir einen gelungenen Spätburgunder vor.

Am Gaumen setzt sich die Marschrichtung aus der Nase fort. Auch hier ist Eleganz das Stichwort. Eine feine Säureader sorgt zusammen mit den seidigen Tanninen für einen mittelkräftigen, vornehmen Auftritt. Lediglich eine kleine Bitternote, in Richtung Lakritze gehend, hat anfänglich vielleicht ein wenig die Harmonie gestört. Aber mit zunehmender Belüftung hat sich diese Note immer besser integriert. Dekantieren ist also folglich mit Sicherheit kein Fehler bei diesem Wein. Sollten Sie ihn wie ich zu einem wunderbaren Mittagessen genießen, dann erübrigt sich das „Problem“ sowieso, denn hier fällt diese Note nicht mehr ins Gewicht und der Pinot von Familie Reichert kann wahrhaft französische Qualitäten entwickeln und tatkräftig das „Savoir Vivre“ unterstützen.

2012 Cabernet Dorsa trocken: Blickdicht

Weingut Kessler, Prichsenstadt

Eingangs möchte ich Ihnen heute eine kleine Anekdote erzählen, welche mir in Verbindung mit unserem aktuellen wieder in den Sinn kam.

Vor einigen Jahren präsentierte ich im Rahmen einer Weinprobe einen Rotwein aus dem südwestfranzösischen Anbaugebiet Madiran. Die verwendete Rebsorte Tannat ist bekannt für ihren Tanninreichtum und die Farbtiefe der aus ihr gekelterten Tropfen. Als wir den Wein im Glas kreisen ließen, meinte einer der anwesenden Weinfreunde auf einmal ganz trocken: „Wenn des jetzt ein Damenstrumpf wär‘, würde man sagen, der ist blickdicht.“

Und um genau solch ein „blickdichtes“ Exemplar handelt es sich beim Cabernet Dorsa vom Weingut Kessler aus Prichsenstadt. Die Sorte wurde 1971 an der staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstanbau in Weinsberg aus Dornfelder x Cabernet Sauvignon gekreuzt. Mit etwas mehr als 20 Hektar Anbaufläche gehört sie in Franken eher zu den Exoten. Winzermeisterin Ina Kessler ist im Jahrgang 2012 für meinen Geschmack ein Prachtexemplar gelungen. Allein schon die intensive, tiefkonzentrierte Farbe mit ihren Purpur-Reflexen macht neugierig auf den Wein.

In der Nase begeistert beim ersten Reinschnuppern spontan die reintönige, intensive Kirsch- und Brombeerfrucht. Das geht durchaus in die Richtung eines sehr guten Dornfelders. Aber darüber hinaus bringt der andere Elternteil – der „Global Player“ Cabernet Sauvignon – eine unheimlich feine, würzig unterlegte Paprikanote ins Spiel. Auch etwas kalter Kamin schwingt in der Nase noch mit. Was mir besonders gut gefällt, ist die Tatsache, dass bei diesem Exemplar die Trumpfkarte Cabernet nicht das restliche Blatt aussticht, sondern gleichberechtigt mit den restlichen „Karten“ zusammenspielt. Tolle Farbe, tolle Frucht und Würze in der Nase. Color – check, odor – check. Und wie steht es mit sapor?

Am Gaumen rollt der Kessler’sche Cabernet Dorsa den roten Samtteppich aus. Die Tannine sind sanft und von feinstem Schliff. Die Säure verleiht dem Wein eine wunderbare Frische und Trinkigkeit. Ich bin nämlich der Ansicht, dass auch Rotweine ein gewisses Säuregerüst benötigen, um nicht zu schnell satt zu machen. So bleibt auch die Eleganz gewahrt und die Lust auf den nächsten Schluck stellt sich automatisch ein. Ganz grandios finde ich die perfekt austarierte Verbindung von Frucht und Würze im Geschmack. Das ist so, als ob die fruchtigen und die würzigen Noten Ping-Pong am Gaumen spielen. Die Krönung des Ganzen ist dann schließlich das dezente, lakritzige Bitterl im langen Nachhall. Farblich blickdicht, aromatisch verführerisch, preislich verlockend: Rotweintrinkerherz was begehrst du mehr?